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positionen - Beiträge zur Neuen Musik (Heft 110)

Erstveröffentlichung in: positionen – Beiträge zur Neuen Musik
Hg. von Gisela Nauck
Heft 110 (02/2017): Mikrotonalität —> Mikrotöne
Mühlenbeck b. Berlin 2017. S. 58–59.

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Berlin: Splitter Music Festival 2016
Mathias Maschat

Den Festival-Titel Splitter Music wählten das 2009/10 gegründete, aus 25 Improvisations- und EchtzeitmusikerInnen bestehende Splitter Orchester und ihr künstlerischer Leiter und Manager Gregor Hotz in historischer Anlehnung an die Scratch Music von Cornelius Cardew und seinem von 1969 bis 1974 aktiven Scratch Orchestra. Die musikalische Bandbreite, die im Rahmen des Splitter Music Festivals vom 24.–27.11.2016 in der Wabe und im Ballhaus Ost präsentiert wurde, war allerdings weitaus größer als man daraufhin hätte annehmen können: Zu hören gab es nicht nur Echtzeitmusik, Dirigate, musikalische Konzepte und Kooperationen des Splitter Orchesters im Stil zeitgenössischer Improvisation, sondern überdies hinaus auch im popmusikalischen Terrain angesiedelte Ensemble- und Bandprojekte einzelner Mitglieder. Diese Auswahl ist bemerkenswert, da hier bewusst genreübergreifend kuratiert wurde und gerade nicht aus den unzähligen musikalisch verwandteren Projekten geschöpft wurde, die im Umfeld des Orchesters bestehen. Vier kontrastreiche Abende waren damit gesichert. Eine Ausnahme zum Genreclash bildete der erste Abend, an dem zunächst das zur Eröffnung geladene Schweizer Insub Meta Orchestra drei Stücke spielte – alle jeweils auf ausschließlich einer musikalischen Idee fußend – und schließlich mit dem Splitter Orchester zusammen Sabine Vogels Komposition Pando interpretierten. Das Stück basierte auf ihrem Soundpainting-Dirigat (einer Methode von Walter Thompson), durch das sie mithilfe einer Vielzahl präziser Zeichen und Gesten den Klang formte und den Verlauf der Musik steuerte. Das großorchestrale Resultat war eine intensive, klar strukturierte und von ihrer Raumnutzung elaborierte Improvisation mit spannenden Übergängen zwischen laminar-wellenhaften und pointilistisch-geräuschartigen Momenten. An Tag 2 zelebrierte das Splitter Orchester gemeinsam mit MusikerInnen aus der Berliner Neue Musik-Szene und geleitet von Titus Engel eine fulminante Wiederaufführung von Sven-Åke Johanssons Harding Greens – Symphonie für Kartonagen: Eine circa 45-minütige Komposition, deren Partitur die variantenreichen Abläufe von 22 mit Bögen rauschig, kratzend, knarzend, quietschend oder fast tonlos hauchend auf Kartonrändern streichenden SpielerInnen regelt. Am Folgeabend bestand das Konzept des Splitter Orchesters schließlich genau in der Abwesenheit eines vorab abgestimmten Plans, in seiner Kernkompetenz der nur auf den kollektiven Erfahrungen der Individuen gründenden Improvisation: Dies resultierte in einer enormen Vielseitigkeit der Klangverbindungen und musikalischen Strukturen, deren Komplexität mit wenigen Begriffen wie Noisedrone, Traumhaftigkeit und Klangtropfen oder mit einem reaktionsschnellen sich aufeinander Einstellen nur unzureichend beschrieben werden kann. Faszinierend ist stets zu beobachten, wie sich Aggregatszustände allmählich verändern und fließend ineinander übergehen; wie sich Spielentscheidungen einzelner begründen und in welcher Situation wer wie agiert; und wie sich immer wieder thematische Kleingruppen herausbilden, die temporär interagieren: wenn sich zum Beispiel alle Bläser ausklinken und auf einmal nur Elektronik, Perkussion und Innenklavier ihren Klangkosmos formen. Unter dem Titel The Pitch Frozen Orchestra firmierte das Orchester am letzten Abend. Allerdings entstand innerhalb dieses von dem Harmonic Drone-Quartett The Pitch erarbeiteten Stücks alles andere als eine kalte Musik. Vielmehr rekurrierte das Gefrorene auf die inhärente Stasis und den expliziten Minimalismus der Strukturbildung. In einer Art freien Atonalität, gelegentlich angereichert durch Geräuschhaftigkeiten, entfaltete das Orchester innerhalb des exakt einstündigen Stücks per Timersteuerung Momente des Zeitlosen: Rund um die kontinuierlich spielende Pumporgel wurden wolkige Klangflächen geschichtet; Wirbel auf Becken und Trommeln, verstreute Einzeltöne von Klavier, Clavinet, Vibraphon, Inside Piano und Gitarre. Zwischendurch fanden Vogelstimmen und später Grillenzirpen Eingang in den Soundaufbau und gaben dem Stück in ihrer Deutlichkeit eine unerwartete naturalistische Wendung. Von den drei weiteren Ensembles agierten am nächsten zum klassisch Echtzeitmusikalischen die Femmes Savantes in ihrer Kooperation mit der Sängerin und Gitarristin Margareth Kammerer. Sie vertonten mit ihr Texte der großen Dichterin und literarischen Grenzgängerin Anne Carson und übersetzten sie in eine Musik zwischen Abstraktion und fetzenhaften Songstrukturen. Sich sehr langsam aufbauende, repetitive Strukturen präsentierten The Still mit Thomas Meadowcroft und Chris Abrahams als Gastmusikern: ultraentspannter, in sich kreisender Zeitlupen-Psychedelic Rock, der dann noch sehr deutliche Wendungen in die besten Momente der Krautrockära à la Neu! nahm. Transmit um Tony Buck bildeten den kraftvollen, beinahe ritualistisch anmutenden und durch die Projektion von Naturaufnahmen auf Band und Bühne stimmungsvollen Abschluss des Festivals.
Mathias Maschat